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Eröffnung der Ausstellung „Stadt der Sonne“ für Yuriy Ivashkevich
im Kunstverein Hoechst Bolongaro e.V. am 25. November 2011
von Dr. Erika Haindl
Lieber Yuriy Ivashkevich,
meine Damen, meine Herren, Ich begrüße Sie alle sehr herzlich und freue mich, dass Sie zu Yuriy Ivashkevichs Ausstellung hier her in sein Atelier gekommen sind.
Ich gehe davon aus dass, wenn Sie bereits andere Bilder von Yuri kennen, Sie erstaunt, ja möglicherweise sogar irritiert sind, denn hier sehen Sie etwas, das sich scheinbar wie ein konkretes Reisetagebuch von drei italienischen historischen Orten darbietet: Bilder aus Castagneto Carducci und Popolonia in der Toskana und aus Buccino in der süditalienischen Region Campagnia/Provinz Salerno. Das scheint eher untypisch für Yuriys Malerei zu sein, denn es sind konkrete Formen von Häusern, Straßeräumen und blühenden Bäumen. Realistische Details wie Sonnenschirme und Gartenzäune; auf einem Bild ist eine Mülltonne zu sehen, an den Häusern Regenrinnen und fragile Balkone, Blumen in Töpfen, das gewohnte Ambiente stadtähnlicher kleiner historischer italienischer Orte. Meist ist der Himmel auf den Bildern blau ohne Wolken, wie es unseren touristischenVorurteilen und Traumvorstellungen Italiens entspricht. Schöne Bilder, die unsere Ferienwünsche an Italien bestärken. Man könnte sagen: Maler benutzen natürlich nicht die Kamera, wie Touristen, die heute durch moderne Technik zu Hunderten von flüchtigen Aufnahmen verführt werden, sondern sie malen sehr behutsam einzelne Eindrücke. Und damit könnte man sich den angebotenen Getränken und den Bekannten zuwenden, die ebenfalls gekommen sind, wenn da nicht diejenigen von Ihnen, die andere Bilder dieses Malers kennen, von einer kribbelnden Lust am Entdecken erfasst würden: Wo versteckt sich in diesen irritierend realistischen Formen der Maler Yuriy Ivashkevich, dessen Handschrift Sie erwartet haben? Und das ist die echte Herausforderung an Sie als Betrachtende zu entdecken, was sich an den Wänden dieser Ausstellung wirklich zeigt. Wir haben Yuriy vorgeschlagen, dass wir anschließend eine Führung von Hermann Haindl anbieten, in der die immense malerische Meisterschaft von Yuriy an einigen Beispielen erläutert wird. Bleiben wir zunächst noch eine Weile bei der kulturanthropologischen Sichtweise. Details wie Wasserfallrohre an den Häusern führen uns in die Irre. In den leuchtenden Kuben mit den harten Schnitten zwischen Hell und Dunkel, Licht und Schatten wird schnell erkennbar, dass das vordergründig Sichtbare von einer dahinterliegenden geheimnisvollen Irrealität getragen wird. Zwei Bilder sind mir besonders nahe gekommen: Im Bild von der Straße mit den gelben sich gegenüberstehenden Häusern haben sich die konkreten erdfarbenen Töne in Gelb und Rot und Lila und Blau transformiert – sind über ihre konkrete Existenz hinaus in eine geheimnisvolle Wirklichkeit geraten. Ist es das gleißende, vor Hitze zitternde Licht, weshalb die Häuser so wenig Fenster haben oder drückt sich darin möglicherweise eine historisch gewachsene abgehoben-fremde Zeitentiefe der Kultur ihrer Bewohner aus? Was wandelt die beiden Häuser in ihrer Blockhaftigkeit auf eine andere Existenzebene? Der helle Straßenbelag antwortet dem dunklen Tor im Hintergrund, und ein großes grünes Fenster scheint eine Antwort zu erwarten. Noch um eine Nuance vielschichtiger, geradezu magischer erscheint mir ein anderes Bild: ein Blick auf einen kleinen Platz, umschlossen von Häusern. Obwohl ein elektrischer Draht verknäult zu einem Nachbarhaus auf eine armselige Nutzung hinweist und die harte von Licht und Schatten zerschnittene Frontseite real wirkt, warnt uns die ins Schwarze reichende Dunkelheit an der gegenüberliegenden Hauswand: Es sieht so aus, als sei die Treppe, die zu dem großen Tor hinauf führt, schon lange nicht mehr betreten worden. Der umgebende Straßenraum wirkt, als hätte sich im Laufe einer unbestimmbaren Zeit der steinige Belag in einem nicht erkennbaren, eigenartigen Rhythmus verschoben. Ein harter heller, viereckiger Lichtfleck verstärkt den Eindruck einer leeren Verlassenheit, hinter der man dennoch die Leben vieler Generationen ahnen könnte. Das Bild zeigt einen kleinen Platz in Buccino. Fast der ganze historische Kern von Buccino fiel 1980 einem schweren Erdbeben zum Opfer. Unter der Besiedelung des Mittelalters kamen durch die Zerstörung Reste einer Stadt aus römischer Zeit ans Tageslicht und aus noch einem älteren Zeithorizont: die antike Stadt Volcei, deren Standort niemandem mehr bekannt und zu einem Mythos geworden war. Diese Stadt war zwischen dem VI. und IV. Jahrhundert v. u. Z. – und wahrscheinlich bereits schon früher – von der „Cultura del Gaudo“ geprägt worden. Eine außerordentlich entwickelte und unvorstellbar reiche Kultur kam wieder ans Tageslicht, die in einem Augenblick des vollen Lebens durch die bebende Erde zerstört, verschüttet und vergessen wurde und nun wieder, zumindest zu musealem Leben erweckt werden konnte. Umfängt dieses eigenartig verlassen wirkende weiße Haus die Seelen der Bewohner jener vergangenen Kulturen, hält dieses Haus die toten Seelen gewissermaßen noch immer unsichtbar im Leben? Wird hier das mythische, ja geradezu magische Element, das sich in den Farben und Strukturen von Yuriy finden lässt, sichtbar? Bei keinem anderen Bild ist mir so stark aufgefallen, dass im tiefsten Inneren die mediterrane Kultur uns – zumindest mir – verschlüsselt bleiben wird. Wir empfinden unsere eigene Gegenwart als jene Erfahrensebene, die die Vergangenheit überlagert und vergessen macht. Es zählt nur die Gegenwart – und wie sich immer mehr herausstellt, noch nicht einmal die Zukunft. Geschichte, d. h. Vergangenheit ist zum Gegenstand von kunsthistorischen Betrachtungen geworden. Aber unsere individuelle und kollektive Existenz ist viel komplexer, als dass wir nur aus der Gegenwart leben könnten. Möglicherweise haben wir auch den Blick hinter die Außenfläche der Dinge verloren, die uns umgeben. Yuriy ist einer jener Künstler, die uns die Sinne für diese spirituellen anderen Welten, die sich nicht nur hinter den Dingen, sondern auch hinter den vielfältigen Erscheinungsebenen der Natur verbergen, wieder öffnen können. Auch der scheinbar so lichtdurchflutete Innenhof eines Hauses mit Blumentöpfen und modernen Plastikstühlen vermittelt diese Irritation, die Verunsicherung unserer Sehgewohnheiten. Es wird in diesem Bild besonders sichtbar in dem blütenübersäten Baumgestrüpp: Was bedeutet die Dunkelheit in dem Geäst der beiden schlanken Bäume? Eine hochkomplexe künstlerische Darstellung: Da ist nicht das Blau des Himmels zwischendem Geäst. Was ist es? Auch die Sonnenflecken, die die Hauswand und den Boden bedecken – was vermitteln sie uns? Alle Bilder sind ohne Menschen, außer dem einen aus dem toskanischen Popolonia, das Yuriy für die Einladungskarte genutzt hat. Da narrt er uns ein wenig! Wir Menschen sind offensichtlich für ihn nur vorübergehend existent – dagegen scheint es, dass die Dinge sich verselbständigt haben und in ihren Geheimnissen miteinander korrespondieren. Die differenzierte Bläue der Himmel verweist die Abwesenheit des Menschen in Yuriys Bildern in den Bereich des Unwichtigen. Die Bilder zeigen eine geradezu unwirkliche Einheit der „Sachen“ mit denen von und aus ihnen gebildeten Orten. Die hohe Qualität der Malerei von Yuriy verleiht dieser Einheit von Objekten und Orten eine vielschichtige Botschaft vom Eigenleben dessen, was wir oftmals achtlos als „Handlungsraum“ bezeichnen. Yuriys Malerei, auch in diesen Bildern nur scheinbar realistisch, führt uns zu einer sensibleren Wahrnehmung dessen, was in unserer “Umgebung“ geschieht. Um eine ähnliche Formulierung von Dr. Beate Matuschek, der Kelkheimer Kulturamtleiterin zu benutzen: Wir danken Dir, dass Du die Deine Ausstellung Besuchenden an Deiner Weltsicht teilnehmen lässt und wünschen der Ausstellung viel Erfolg und Wertschätzung.

© Dr. Erika Haindl, November 2011